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Wir sind uns einig: Wir sind uns uneinig

Buch: Ich verstehe dich – Auszug aus dem Kapitel über Liebe

Liebe ist für mich die reinste Form von Verstehen. Es ist überhaupt die reinste Form von allem. Doch wir verstehen sie oft nicht richtig. Weil wir dumm vorgehen. Wir versuchen der Liebe und auch allen anderen zu erklären, wer sie ist – als würden wir Fremde einander vorstellen. Dabei wäre es deutlich klüger, wenn diese grandiose Liebe sich einfach selbst vorstellen dürfte und wir sie allerhöchstens ankündigen. Wir verstehen sie entweder falsch oder in den meisten Fällen sogar gar nicht, weil wir sie nicht zu Wort kommen lassen. Weil wir ganz einfach nicht zuhören. Weil wir immer selber reden und unser Ego herausstellen wollen statt ihr Platz zu geben. Wahre Liebe braucht noch nicht einmal zu sagen „Ich verstehe dich“, denn ihre Blicke sprechen für sich selbst.
Liebe ist die reinste Form von Verstehen und das längst nicht nur auf Beziehungen und den Bereich Partnerschaft bezogen: Zum einen auf uns selbst bezogen und zum anderen in diesem spezifischen Fall bezogen auf unsere Familie. Es gibt ein paar wenige Menschen, die uns schon immer nahe stehen und mit denen wir uns im Laufe unseres Lebens so uneinig werden können. Wir lieben sie und das steht außer Frage.
Aber wir entwickeln uns so unterschiedlich, dass wir unmöglich einer Meinung sein können. Und während wir denken, dass wir früher schon wirklich geliebt haben, merken wir erst an dieser Stelle, was „lieben“ bedeuten kann; wie Liebe ohne Bedingungen funktionieren kann. Denn oft lieben wir diejenigen, die unserem Bild von der Welt entsprechen und die dieses Bild stärken und bekräftigen. So jemanden zu lieben, ist leicht.
Doch diese Liebe ist an Bedingungen geknüpft, an unbewusste Bedingungen. „Wenn du so bist, wie ich dich und die Welt mag, dann liebe ich dich über alles.“ Fast niemand würde das je sagen oder sich auch nur trauen zu denken. Doch wenn wir in unserem Alltag hinschauen, wird uns mit einem kleinen Schauder auf dem Rücken bewusst, wie oft wir diese Schablone anlegen und diese Bedingung erfüllt sehen wollen.
Und wenn du dich in diesem Moment schuldig dafür fühlst, dass lass dir gesagt sein: Ich mache das auch. Immer noch. Obwohl es mir bewusst ist. Ich verstehe dich.
Ich wünschte, wir würden uns das öfter sagen und uns damit gegenseitig mehr Schuld nehmen; mehr Last von den Schultern, die uns gar nicht erst runterziehen müsste. Wie oft klagen wir unser Gegenüber an, obwohl wir keinen Deut besser sind und nur von unserer Verletzung, Unzulänglichkeit und unserem Schmerz ablenken wollen?

Doch zurück zur Liebe. Sobald wir uns in verschiedene Richtungen entwickeln und unsere Familienmitglieder so ganz anders werden als wir sie bisher kannten oder geliebt haben, wird es spannend. An dieser Stelle entscheidet sich, wie stark die Liebe wirklich ist, beziehungsweise wie stark sie werden kann.
Wie sehr kannst du jemanden lieben, mit dem du dir völlig uneinig bist?
Bist du im Stande, jemanden wirklich ganz einfach zu lieben, so wie dieser jemand ist? Ohne Bedingungen?
Ich weiß, wie schwer es dir manchmal fällt, dich mit jemandem darauf zu einigen, dass ihr euch nicht einig seid. Woher ich das weiß? Weil ich so bin.
Mir fiel das für eine lange Zeit sehr schwer. Aber es ist besser geworden.
Erst dadurch lerne ich allmählich, was echte Liebe bedeutet. Miteinander zu leben und zu reden, die absoluten Uneinigkeiten zu sehen und aufzudecken und sich dann von Herzen darauf zu einigen, dass wir uns völlig uneinig sind in manchen Punkten und das genaue Gegenteil machen, sagen, denken oder fühlen würden. Und dass wir uns lieben. Nicht trotzdem, sondern deshalb.
Dass Liebe erst dann echt wird, wenn sie nicht mehr voraussetzt, dass wir den gleichen Plan vom Leben haben und dass wir einander angleichen müssten, damit wir zusammen gehen können. Liebe wird für mich erst dann echt, wenn ich nicht mehr so sein muss wie du und du niemals so sein möchtest wie ich. Und wir uns umarmen und vor Glück und Dankbarkeit in Tränen ausbrechen. Dann ist Liebe echt und dann haben wir einen Raum geschaffen, indem wir uns wirklich öffnen können und ehrlich teilen können, wer wir sind. Weil wir uns nicht verbiegen wollen und weil wir die magischen drei Worte benutzen:
Ich verstehe dich.

 

Danke dir fürs Lesen!
Hinterlass mir gern einen Kommentar,

2 Responses to Wir sind uns einig: Wir sind uns uneinig

  1. Toller Beitrag, Laura
    Im Buch „The Power“, das ich gerade zum zweiten mal Lese, wird auch sehr viel auf dieses Thema eingegangen, drum ists bei mir grad so präsent!

    Und genau so wie du schreibst ist es auch – Liebe ist die Basis von allem, schafft alles und die Abwesenheit von Liebe kann alles zerstören.

  2. Noémie

    „Dass Liebe erst dann echt wird, wenn sie nicht mehr voraussetzt, dass wir den gleichen Plan vom Leben haben und dass wir einander angleichen müssten, damit wir zusammen gehen können. Liebe wird für mich erst dann echt, wenn ich nicht mehr so sein muss wie du und du niemals so sein möchtest wie ich.“

    Wow – herzlichen Dank für deinen Beitrag, Laura! Bei dem zitierten Ausschnitt deines Beitrags hatte (und habe) ich ein berührendes Aha-Erlebnis. Ich glaube, ich habe soeben etwas grossartiges für mein Leben gelernt. Dankeschön!
    Und ich glaube auch, dass es eine hohe Kunst ist, diese Einstellung tatsächlich im Alltag mit einem Partner zu leben. Wie heisst es so schön? Lieber unperfekt starten als perfekt zu zögern.. :o)

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