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Tausche Festanstellung als Psychologin gegen unsichere Selbständigkeit

Lange Zeit stand der richtige Weg für mich fest: Abitur, Studium, Festanstellung als Psychologin. Aber plötzlich wurde mir klar: Das bin nicht ich. In diesem Artikel erzähle ich dir von meinen ersten Monaten in der Selbständigkeit.

Meine Sicherheit gegen deine Freiheit

Du bekommst die Stelle, die durch mich frei wird. Du darfst jeden Tag mit Menschen an ihren Problemen arbeiten. An zugegeben sehr schwerwiegenden Problemen. Du bekommst die täglichen Gespräche über Suizid und all die beinahe genau so schlimmen Seiten des Lebens. Aber sei vorgewarnt, dein anfänglicher Übermut, dass du die Welt retten oder sagen wir wenigstens ein bisschen besser machen kannst, lässt schnell nach.

Du bekommst ein Festgehalt, ein sehr gutes sogar. Denn dafür hast du dir schließlich in der Uni fünf Jahre lang den Arsch aufgerissen. Das heißt, als du mit deinem hart erkämpften Abi-Schnitt im Nachrückverfahren endlich dort angenommen wurdest. Du hast dich durch all die Statistikprüfungen geboxt und durch die Vorbereitungsnächte geheult, in denen du nichts verstanden hast.
Nicht einmal mehr, wofür du all das überhaupt machst. Manchmal hat dir deine kleine Weltverbessererseele dann aus der hintersten Winkel deines Herzens zugeflüstert: „Erinnerst du dich an mich?“. Doch du hattest keine Zeit genauer hinzuhören, weil deine nächsten Deadlines dir wie die Gremlins im Nacken saßen.

Wenn du dann wie ich, deutlich ernüchtert, das Studium abgeschlossen hast und schon vor dem ersten Tag in deinem neuen Job keinen Bock mehr hast, würden die meisten Menschen sagen: Du hast ein echtes Problem. Ganz besonders dann, wenn du noch keinen Plan B hast. Immerhin hast du dafür fünf Jahre lang viel entbehrt: Nerven, Selbstwertgefühl, Geld, manchmal auch den Lebenswillen. Okay, ich übertreibe. Aber dieses Unisystem ist der größte Quatsch, der auch aus all denen (Lern-)Bulimiker macht, die in ihrem Leben niemals mit Essstörungen in Berührung kommen werden. Das lasst euch von einer Psychologin gesagt sein. Also, Deal?

Wie viel ist ein sicheres Gehalt wert?

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr viel aus meinem Studium. Jedenfalls nicht auswendig. Denn mein Kopf sollte es gar nicht lernen und behalten, sondern nur zwischenspeichern und auskotzen. Aber was erzähl ich dir das; wenn du ein echter potenzieller Tausch-Partner bist, weißt du all das selber.

Auf dem Weg zu meinem ersten großen Festival – dem im wahrsten Sinne des Wortes völlig ins Wasser gefallenen Hurricane 2016 – habe ich mich gegen Plan A, gegen die Festanstellung, gegen das Gehalt entschieden. Wofür? Keine Ahnung. Aber auf dem dahin schwimmenden Gelände mit den Tausenden von Menschen und den ständigen Blitzeinschlägen in der Nähe wusste ich, dass ich mich echt schämen würde, wenn ich an so einem Tag sterben müsste. Weil ich viel zu feige gelebt hatte. Okay ja, ich übertreibe. Aber du verstehst, worum es mir geht.

Ich hatte keine Ahnung, wofür ich mich entschieden habe. Ich wusste es damals nicht und ich bin froh, dass ich es nach den ersten acht Monaten meiner Selbständigkeit immer noch nicht ganz überblicken kann. Denn vielleicht hätte ich dann niemals angefangen. Dann wäre ich nur manchmal, in den Pausen meiner sicheren Festanstellung mit meinem tollen Gehalt und den anstrengenden Gesprächen, etwas abgelenkt und irritiert, dass mich ständig diese kleine, leise Stimme heimsucht. Vielleicht habe ich mir die bei meinen Patienten eingefangen? Ist sowas ansteckend? Ich würde nicht erkennen, dass es meine eigenen Träume und tiefsten Wünsche sind, gegen die ich mein ganzes Leben gekämpft und die ich unterdrückt habe. Nur damit ich nicht von Luft, Liebe, Selbstverwirklichung und ohne Geld leben musste. Klingt das denn wirklich so schlimm?

Der sichere Weg wäre nicht mein Weg gewesen

Es ist oft echt hart – härter als ich es zugeben würde. Aber ich würde mich an dieser Weggabelung niemals mehr anders entscheiden. Wann immer meine kleine, angstvolle Laura vor sich hin heult, dass sie einfach diesen vorgezeichneten Weg hätte nachtrampeln sollen, weiß sie eben so gut wie ich, dass sie niemals nur nachtrampeln wollte. Dass sie damit niemals glücklich geworden wäre. Sie weiß, dass sie daneben läuft, durch das hohe, wild gewachsene und undurchsichtige Feld, in dem vieles lauert, was sie noch nicht sehen kann. Sie weiß es.

Gerne möchte ich mit dir teilen, wie es für mich nach der Entscheidung weitergegangen ist. Wie ich die ersten acht Monate als selbständige Speakerin und Autorin erlebt habe, werde ich bestimmt bald ausführlich aufschreiben.

Bleib optimistisch,

3 Responses to Tausche Festanstellung als Psychologin gegen unsichere Selbständigkeit

  1. Lukas Thies

    Hey Laura,
    Ich finde dein Blogbeitrag genial, extrem authentisch geschrieben und problemlos in einem Fluss lesbar 😉
    Sehr interessantes Thema, bin sehr gespannt wie es weiter geht 🙂
    Lg Lukas

  2. Starker Blog Laura 😉
    Wie viel ist ein sicheres Gehalt wert? – Diese Frage vereint so viele Punkte in einer simplen Frage. Wow!!

    Beste Grüße, Sebastian

  3. Inga

    Liebe Laura,
    es ist schön zu lesen, dass du mit deiner Selbstständigkeit glücklich bist. Mir persönlich wird beim Lesen des Eintrages etwas flau im Magen. Ich glaube das zugrundeliegende Gefühl ist Irritation, da mir dein Beitrag unerwartet „schwarz-weiß“ vorkommt. Wie du weißt, arbeite ich als angestellte Psychologin und gleichzeitig auch selbstständig auf Honorarbasis unter Supervision ambulant mit Patienten/Innen. Beide Tätigkeiten bieten sowohl Vorteile, als auch Nachteile. Dabei ist das Gehalt ein Faktor von Vielen, die ich hier gar nicht alle nenennen kann. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass ich auch als angestellte Psychologin jeden Tag unzählige Entscheidungen ganz selbstständig treffe und mich keinesfalls eingeschränkt in meiner persönlichen Freiheit fühle. Es wird sogar erwartet, dass ich aufgrund meiner Ausbildung in der Lage bin selbstständig meinen Job zu machen, auch, wenn theoretisch jederzeit mein Chef Entscheidungen von mir ändern könnte. In meinen zwei Jahren als angestellte Psychologin ist das bisher nicht passiert! Das Zweite, was ich mit Sicherheit sagen kann ist, dass jede Vorstellung, die ich mir im Vorfeld über meine Arbeit gemacht habe, nicht 100%ig der Realität entspricht. Manchmal werde ich überrascht im positiven Sinne, manchmal auch im negativen Sinne.
    Inzwischen habe ich festgestellt, dass es für mich zwei Arten von Motivation gibt mich in meinem Leben zu bewegen.
    1. Weg von etwas, das ich als überwiegend negativ empfinde.
    2. Hin zu etwas, das ich als überwiegend positiv empfinde.
    An diesem Punkt stimme ich dir zu; der Weg, der sich für mich besser anfühlt, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit auch der Weg, mit dem ich glücklich werde. Dies ist , so denke ich, von Mensch zu Mensch verschieden.
    Ich wünsche dir weiterhin alles Gute auf DEINEM Weg und noch viele sowohl tolle als auch schwierige Erfahrungen 😉

    Alles Liebe, Inga

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